Liebe Leser*innen unseres Rundbriefes,

nach längerer Zeit mal wieder ein Rundbrief von uns. Ich hoffe – nach über einem Jahr – Pandemie, mit all ihren Einschränkungen, geht es Ihnen gut und freuen sich genauso wie ich auf  bevorstehende Lockerungen und ein bisschen mehr Normalität.

Ich bin zuversichtlich, dass ab Ende Mai die Situation wesentlich freundlicher aussieht als heute und freue mich auch wieder auf Begegnungen mit Ihnen.

Bleiben Sie behütet.

Wir freuen uns über Rückmeldungen zu unserer Arbeit und zum Rundbrief.

Karl-Heinz Pastoors

Vorsitzender Kreisseniorenrat

 

EIN HAUS MIT BESONDERER WERTSCHÄTZUNG

Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit mit dem Examenskurs der Altenpflegeschule, an der ich unterrichte, die Abschlussfahrt nach Mailand zu erleben. Dort hatten wir als besonderes Ziel das vom Komponisten Giuseppe Verdi gegründete Altersheim „Casa di riposo per musicisti“ zu besuchen. Verdi hat damit sein „bedeutendstes Werk“ geschaffen, so sagte er selbst einmal. In dem prächtigen Haus finden alt gewordenen Musiker, Sängerinnen, Tänzerinnen, Komponisten, Dirigenten –kurzum Menschen, die ihr Leben der Musik gewidmet haben –ein letztes Zuhause.

Das ganze Haus ist von Musik durchströmt. Aus Lautsprechern tönt Verdi Musik, die ehemaligen Berühmtheiten singen, tanzen, spielen Klavier und sind immer noch ein bisschen auf der Bühne, denn es besteht kein Zweifel daran: dass hier ist IHR Haus, in dem sie bestimmen. Schränke voller Noten, Instrumente, Verdis Flügel, altes Mobiliar, Flure voller Bilder der Diven in Kostümen.

Die ehemalige Primaballerina der Mailänder Scala bat uns mit einer elegant angedeuteten Pirouette in ihr Zimmer um uns dort ihre Kostüme, ihre Rezensionen, ja ihr Leben zu zeigen. „Ich war mal jemand!“ so der Ausdruck ihrer Gesten, ihrer Mimik, ihrer Worte. Der alt gewordene Tenor, der noch mit 91 Jahren ein Konzert in Japan gegeben hatte, um das er, wie er mit besonderem Blitzen in den Augen betonte „gebeten worden war“ machte uns unmissverständlich deutlich, dass alle alten Menschen noch gebeten werden wollen, uns an ihrem Leben teilhaben zu lassen.

Der frühere Dirigent eines großen Orchesters, der am Tisch saß und eine Seidenblume wickelte, ließ uns erkennen, dass er jemand ganz einzigartiges gewesen ist auch wenn man das jetzt auf den ersten Blick nicht mehr sieht. Aber eben nur auf den ersten Blick.Und selbstverständlich behandelten alle Mitarbeitenden des Hauses die Bühnengrößen als etwas Einmaliges und ganz und gar Besonderes. Auch in diesem Haus war nicht alles eitel Sonnenschein. Es gab Streitereien darum wer denn den Maskenball besser gesungen und im Rigoletto mit mehr Applaus bedacht worden war – wie im richtigen Leben eben. Aber das Haus strömte etwas von der besonderen Wertschätzung aus, die den alten Menschen dort entgegengebracht wird. Und die Begegnung mit den alten Bildern in den Fluren lässt ihre Biographie immerzu lebendig bleiben. Kein Wunder also, dass dementielle Erkrankungen dort viel weniger häufig zu finden sind als anderswo.

Wir können uns traurig zurücklehnen und sagen „Ja, die waren berühmt, aber wir?“ Oder wir können daraus Kraft und Mut schöpfen. Ist nicht jeder Mensch berühmt und ganz und gar einmalig? Hat nicht jeder Mann und jede Frau Talente, Fähigkeiten und Liebenswürdigkeiten, die nur einmal einem Menschen gerade so geschenkt wurde?

Sollen alte Menschen, die nicht auf den Bühnen der Welt standen, etwa weniger Wertschätzung erhalten, nur weil ihre Namen nur ein paar wenigen anderen bekannt sind? „Ich lebe hier in meinem Traum“ sagte uns Stefania Sina, eine Alt-Sängerin, die dort lebt, malt, schreibt und gerne erzählt. „Seit ich ein junges Mädchen war und die Bühne vor Augen hatte, habe ich in einem Schuhkarton alles gesammelt über die Casa Verdi. Und nun bin ich hier. Ich lebe in meinem Traum!“ Nur zu: wir wollen gemeinsam darum bemüht sein, diesen Traum für alle alten Menschen wahr werden zu lassen. Mit Wertschätzung und einer Verbeugung vor ihrem einmaligen und unwiederbringlichen Leben fängt es an.

© Rita Kusch, Rastede

Aus EAfA Rundbrief

Was Deutschland aus der Corona-Bewältigung lernen kann

Im internationalen Vergleich ist Deutschland gut durch die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020 gekommen. Allerdings wurde dieser Vorteil mit unnötig teuren und wenig zielgerichteten Maßnahmen erkauft, argumentiert eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung: mit Freihaltepauschalen in Milliardenhöhe für zehntausende leerstehende Klinikbetten und der Verschiebung planbarer Operationen bei kaum abschätzbaren Gesundheitsrisiken. Ein „deutscher Sonderweg“ der Corona-Bewältigung, der im Ländervergleich nicht glänzt und nach einer Reform des hiesigen Krankenhaussystems ruft, so das harsche Urteil der Autor*innen.

Ländervergleich weitet den Blick

„Was kann Deutschland aus der Corona-Bewältigung anderer Länder lernen?“ – mit dieser Leitfrage blickt die Studie auf die Krankenhaussysteme in Schweden, Dänemark, Spanien und Israel. Die Untersuchung wertet die erste Corona-Welle aus und wurde Ende Februar 2021 veröffentlicht.

Deutschland bestens ausgestattet

Deutschland ging im OECD-Vergleich mit einem Spitzenbestand an Kliniken, Krankenhausbetten und Intensivkapazitäten in die Pandemie: mit 8,0 Betten pro 1.000 Einwohner (2018), gegenüber Israel, Spanien (je 3,0), Dänemark (2,4) und Schweden (2,1). Eine ähnliche Spannweite zeigte sich bei den Intensivbetten pro 100.000 Einwohnern: Deutschland 33,9; Israel 10,3; Spanien 9,7; Dänemark 7,8 und Schweden 5,2.

Viel Geld für leerstehende Betten

Trotz der vielen Häuser und Betten zahlte die Bundesregierung den Kliniken in der ersten Pandemiewelle knapp neun Milliarden Euro an Freihaltepauschalen, was faktisch mehr als 300 Häuser aus der Versorgung herausnahm, rechnet die Studie vor. Quali­tative Anforderungen, wie etwa eine Eignung für die Versorgung von COVID-19-Patient*innen, wurden nicht gestellt. „Kein anderes Land der Welt gab mehr Geld dafür aus, dass Krankenhäuser ihre Betten leer stehen ließen.“

Corona deckt „gnadenlose Schwächen“ auf

Tatsächlich wurden 90 Prozent der Corona-Patient*innen ambulant versorgt. Lediglich schwere, vor allem beatmungspflichtige Fälle kamen in stationäre Behandlung, und zwar in großen, spezialisierten Häusern. Dieses Vorgehen sei medizinisch richtig, aber nicht das Ergebnis einer systematischen Krankenhausplanung gewesen. „Die Krise zeigte gnadenlos die Schwächen in der deutschen Krankenhauslandschaft auf“, urteilen die Wissenschaftler*innen. Diese verorten sie

  • im Mangel an gut ausgebildetem Personal auf den Intensivstationen,
  • in der fehlenden regionalen Kooperation zwischen Kliniken und
  • in der nach wie vor zu geringen Konzentration und Spezialisierung der Häuser.

Flexibilität von Krisenplänen entscheidend

Die dynamische Anpassung vorhandener Kapazitäten an einen schwer vorhersehbaren Bedarf ist das A und O jeder Pandemiebekämpfung. Die Vergleichsländer Schweden, Dänemark und Israel mit zentraler Steuerung und Koordination schnitten hier besser ab als Deutschland und Spanien, so das Urteil der Wissenschaftler*innen.

Schweden verfügt seit 2001 über ein aktuelles Register der Intensivkapazitäten in seinen 21 Regionen und erfüllte bereits vor Krisenbeginn die digitalen Anforderungen der OECD zur Bewältigung der Pandemie. Dänemark konnte seine veraltete Datenbasis zur Intensivversorgung zu Beginn der Pandemie rasch aktualisieren, Israel zog im Juli 2020 nach. In allen drei Ländern gelang es jeweils kurzfristig, planbare Operationen und wachsende Intensivkapazitäten flexibel aufeinander abzustimmen. In Spanien mit seinem stark dezentralen Gesundheitssystem waren aktuelle Kapazitätsdaten nur „mit deutlichem Zeitverzug“ und auf nationaler Ebene lückenhaft verfügbar.

Deutschland: „Bedarfsgerechte Steuerung kaum möglich“

Auch in Deutschland fehlte anfangs ein Überblick über die aktuellen Ressourcen im Krankenhaussektor. Erst Mitte April 2020 hatten alle Krankenhäuser die Anzahl der verfügbaren und belegten Intensivbetten an das kurzfristig neu eingerichtete DIVI-Intensiv­register weitergeleitet. Anders als in Dänemark und Schweden fehlt hierzulande bis heute ein datengestützter Überblick über die Klinikkapazitäten jenseits der Intensivmedizin. „Eine bedarfsgerechte Ressourcensteuerung ist damit in Deutschland kaum möglich – nicht nur im Regelbetrieb, sondern auch in der kurzfristigen Reaktion auf weitere Pandemiewellen.“

Personalmangel – der zentrale Engpass

Der Mangel an qualifiziertem Personal erwies sich in allen untersuchten Ländern als Engpass der Pandemiebekämpfung. Häufig mussten Pflegekräfte aus anderen Abteilungen kurzfristig geschult werden, manchmal blieben Intensivplätze aufgrund des Personalmangels auch ungenutzt. Der Mangel an geeigneter Schutzkleidung – und damit ein erhöhtes Infektionsrisiko – verstärkte stellenweise den Personalmangel. So lag der Anteil des Gesundheitspersonals in Spanien an allen COVID-19-Infizierten bei 24,1 Prozent, in Deutschland bei nur 5,2 Prozent.

Ambulante Versorgung zählt

Alle fünf Länder waren bestrebt, schwere COVID-19-Fälle vorrangig in Krankenhäusern zu behandeln und leicht erkrankte Menschen ambulant zu versorgen. Gleichwohl war die Hospitalisierungsrate von Land zu Land sehr unterschiedlich, vermerkt die Studie. Sie reichte während der ersten Corona-Welle von 13 Prozent in Deutschland bis zu 55 Prozent in Spanien. Am konsequentesten achteten Dänemark und Schweden darauf, dass Kontakte mit medizinischem Personal möglichst digital oder telefonisch erfolgten, um weiteren Ansteckungen vorzubeugen. „Dabei profitierten beide Länder von der bereits seit vielen Jahren erfolgreich praktizierten Nutzung digitaler Möglichkeiten für Kontakte zwischen Kranken und dem Gesundheitssystem.“

Wie die Versorgung für den Krisenfall gestärkt wird

Zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems gegen außergewöhnliche Herausforderungen wie eine Pandemie empfiehlt die Studie folgende Maßnahmen:

Governance

  • Abgestimmte Planung für eine Pandemie oder nationale Katastrophensituationen, ebenso Regeln für den Triage-Fall.
  • Eine mindestens wochenaktuelle Übersicht verfügbarer Kapazitäten in allen stationären Versorgungsbereichen.
  • Das DIVI-Register zur Erfassung der freien und belegten Behandlungskapazitäten in der Intensivmedizin muss Vorbild für weitere digitale Lösungen in weiteren Versorgungsbereichen sein.

Material und Kapazitäten

  • Vorhaltung von Schutzmaterial und technischer Ausstattung für Pandemie- und Katastrophenfälle durch die Krankenhäuser – bei vollständiger Refinanzierung.
  • Vorkehrung für kurzfristig schwankenden Bedarf an Krankenhaus- und Intensivkapazität.

Steuerung von Patientenflüssen

  • Verbindliche Regelungen für den Fall, dass schwerkranke Menschen in die geeigneten Krankenhäuser eingeliefert werden müssen. „Eine stärker konzentrierte und spezialisierte Krankenhauslandschaft ist hierfür eine wichtige Voraussetzung“, besagt die Studie.
  • Zahlung von Freihaltepauschalen nur an Kliniken, die eine nachgewiesen hohe Expertise in dem relevanten medizinischen Bereich haben.

Personal

  • Rekrutierung von zusätzlichem Personal vor allem in hochspezialisierten Bereichen der Gesundheitsversorgung bedarf einer Langfriststrategie.
  • Dazu gehört die Erhöhung der Attraktivität der Berufe insbesondere in der Pflege und die Förderung der Intensivpflege im Rahmen der Aus-­ und Fortbildung.
  • Erarbeitung von Konzepten für kurzfristige Schulungsmaßnahmen, um schnell und flexibel zusätzliches Personal qualifi­zieren zu können.

 

Mirella Cacace, Krankenhausstrukturen und Steuerung der Kapazitäten in der Corona-Pandemie. Ein Ländervergleich, Bertelsmann Stiftung, 2021, 108 Seiten (Studie)
Jan Böckem / Uwe K. Preusker, Reaktionsfähigkeit von Kliniken. Was kann Deutschland aus der Corona-Bewältigung anderer Länder lernen? Bertelsmann Stiftung, 2021, 8 Seiten

Aus bfs trendinfo 4/21

Coworking im ländlichen Raum: Eine Chance für strukturschwache Regionen

Angebote für mobiles und flexibles Arbeiten an gemeinschaftlich genutzten Orten gibt es in Ballungsgebieten schon länger. Eine Trendstudie in unserem Auftrag hat nun erstmals die Situation von Coworking im ländlichen Raum betrachtet. Demnach kann die neue Arbeitsform wichtige Impulse für die wirtschaftliche Wiederbelebung strukturschwacher Regionen geben.

Der verlassene Bäckerladen wird zur digitalen Kreativwerkstatt, die Streuobstwiese zur Stellfläche für mobile Arbeitsräume aus Containern: In den vergangenen Jahren sind in Deutschland immer mehr Coworking-Angebote im ländlichen Raum entstanden. Diese neue Form einer flexiblen und mobilen Berufsausübung in gemeinschaftlich genutzten Räumen besitzt viel Potenzial für die nachhaltige Belebung strukturschwacher Regionen. Dies geht aus der heute vorgestellten Trendstudie „Coworking im ländlichen Raum“ hervor, die erstmals ein genaueres Bild des Coworking-Phänomens jenseits der urbanen Ballungsräume zeichnet. Die CoWorkLand Genossenschaft sowie das Netzwerk Zukunftsorte haben in userem Auftrag über 200 Tiefeninterviews mit Nutzer:innen sowie Gründer:innen von Coworking-Orten bundesweit geführt. Die darin geschilderten Erfahrungen zeigen allerdings auch, dass Coworking auf dem Land stark von den technischen Gegebenheiten und der sozialen Vernetzung der Gründer:innen abhängt.

Der ländliche Raum wird oft als rückständig und abgehängt bewertet. Die Fallbeispiele in unserer Studie zeigen jedoch: Die Zukunft der Arbeit hat auf dem Land schon begonnen.

Schmied weiter: „Coworking gibt Menschen die Möglichkeit, wohnortnah gut ausgestattete Arbeitsplätze zu nutzen, ohne täglich weite Pendelstrecken auf sich zu nehmen. Ländliche Regionen, die unter Abwanderung und Überalterung leiden, lassen sich durch den Zuzug junger Familien und die Modernisierung der Infrastruktur neu beleben. Unternehmen profitieren von einem größeren Einzugsgebiet für Fachkräfte. Nicht zuletzt kann Coworking eine Triebkraft für den Wandel hin zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen und modernen Wirtschaftswelt sein.“

Breite Zielgruppe und große Integrationskraft

Nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat das Landleben wieder an Attraktivität gewonnen: Umfragen zufolge würde eine Mehrheit der Deutschen lieber im Grünen als in der Großstadt wohnen. Wie aus den für diese Studie geführten Interviews hervorgeht, versprechen Coworking-Angebote eine bessere Vereinbarkeit von Berufsausübung und Wohnortwunsch. Ihr Potenzial für den ländlichen Raum zeigt sich in der vielfältigen Kundschaft. Unter den Nutzer:innen von Coworking auf dem Land finden sich viele Menschen im Angestelltenverhältnis, in unterschiedlichen Berufsbildern, ohne akademischen Schulabschluss und mit einer breiten Altersstruktur.

Coworking auf dem Land hat eine sehr viel breitere Zielgruppe und größere Integrationskraft als in der Stadt. Es wird von all jenen nachgefragt, die ein Bedürfnis nach Gemeinschaft haben und sich ihren Arbeitsort frei auswählen können.

Zwar zieht es auch hier Angehörige der Kreativ-, Digital- und IT-Wirtschaft – und damit die ursprüngliche Kernzielgruppe des Coworking – verstärkt ins Grüne. Doch die Coworker:innen in ländlichen Gebieten bilden ein weit gefächertes gesellschaftliches Spektrum ab, das auch Handwerker:innen, Wissenschaftler:innen, Berater:innen und Lehrer:innen umfasst. Auch die Anbieterseite zeichnet sich durch Vielfalt aus. Das zeigt der Blick auf die unterschiedlichen Orte und damit Geschäftsmodelle. Coworking-Einrichtungen finden sich beispielsweise an beliebten Pendlerrouten, auf abgelegenen Landgütern, leerstehenden Ladenlokalen in einer Kleinstadt, inmitten beliebter Urlaubsregionen oder auf einem Bauernhof am Dorfrand. „Wir sind davon überzeugt, dass Coworking auf dem Land das Zeug zum Massenphänomen hat und für einen wirksamen Strukturwandel sorgen kann – vor allem, wenn sich auch festangestellte Pendler:innen zunehmend für Coworking gewinnen lassen. In dieser Zielgruppe liegt noch großes und fast unberührtes Potenzial“, erläutert Bähr.

Lokale Netzwerke sind wichtiger Erfolgsfaktor

Allerdings zeigt die Studie, dass die Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells eine große Herausforderung bei der Errichtung eines Coworking-Spaces auf dem Land darstellt. Anders als in den Ballungsgebieten, ist daher das Agieren in lokalen Netzwerken aus Sicht vieler Befragter ein wichtiger Erfolgsfaktor – zumal es im ländlichen Raum noch keinen entwickelten Markt für die neuen Angebote gibt. „Damit sich die positiven Effekte des Coworking entfalten können, ist es notwendig, die besonderen Bedarfe dieser neuen ‚Landarbeiterschaft‘ zu berücksichtigen. Zudem brauchen die netzwerkorientierten Gründer:innen die notwendige Unterstützung aber auch den Freiraum, um ihre andersartigen, jenseits der Metropolen funktionierenden Geschäftsmodelle umzusetzen“, sagt Schmied. „Kommunalpolitik sowie die ortsansässige Wirtschaft oder Vereine können für die ländliche Coworking-Szene wichtige Netzwerkpartner sein und hier Starthilfe geben“, schlägt Bähr vor.

Coworking-Schub durch Corona

Im Zuge der Bekämpfung des Coronavirus haben sich viele berufliche Tätigkeiten vom Büro an alternative Arbeitsorte verlagert. Dieser Trend dürfte dem Coworking im ländlichen Raum zusätzlichen Auftrieb verleihen, wie die im Frühjahr während des Ausbruchs der Pandemie geführten Interviews nahe legen. Demnach haben sich Abstandsregeln und Kontaktverbote kurzfristig zwar als Belastung für das auf Gemeinsamkeit ausgerichtete Arbeitsmodell erwiesen. Auf längere Sicht betrachtet, haben die Corona-Erfahrungen aus Sicht vieler Befragter allerdings unter Beweis gestellt, dass das Arbeiten an einem anderen Ort als dem Büro in vielen Berufsfeldern funktioniert und sich Präsenzzeiten und damit auch das Pendeln reduzieren lassen.

Die Befragungen der Coworking-Gründer:innen und -Nutzer:innen unterstreichen, dass Angebote zum mobilen Arbeiten im ländlichen Raum gegenüber dem Homeoffice große Vorteile mit sich bringen. So fehlen bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden häufig die sozialen Kontakte und klare Abgrenzungen von beruflichen und privaten Aktivitäten. Auch Ablenkungen durch andere Haushalts- oder Familienmitglieder treten im Coworking-Space seltener auf. Nicht zuletzt ist dort in der Regel eine bessere technische Infrastruktur vorhanden. „Mobiles Arbeiten kommt den Bedürfnissen vieler Angestellter deutlich mehr entgegen als der bloße Umzug ins Homeoffice. Arbeitgeber:innen, Tarifpartner:innen sowie der Gesetzgeber sollten daher Rahmenbedingungen schaffen, die eine Verlagerung der Tätigkeiten an neue, alternative Arbeitsorte begünstigen“, empfiehlt Bähr.

Aus Bertelsmann newsletter

DIA-Studie „50plus“: Generationen im Wechselblick

„Mit der Reife wird man immer jünger“, lässt uns Hermann Hesse in seinen Betrachtungen über das Altern und das Alter wissen. Kluge Einsichten und solide Studien zu diesem unerschöpflichen Thema gibt es viele. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) stellt dazu eine repräsentative Erhebung vor: Was denken Menschen in der zweiten Lebenshälfte tatsächlich, was treibt sie an? Wie stehen sie zu zentralen Aspekten wie Beruf und Bildung, Pflege, Einkommen und Wertewandel? Die Untersuchung „50plus: Übergänge zum Altern“ rückt die reiferen Jahrgänge in den Blick und vergleicht deren Lebensauffassung mit der von jüngeren Generationen.

Ältere stellen 60 Prozent der Wähler

Gegenwärtig sind bereits 51 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland über 50 Jahre alt. Sie stellen 56 Prozent der Wahlberechtigten und rund 60 Prozent der Wähler. „Die Altersgruppen der zweiten Lebenshälfte gewinnen an Umfang und damit auch an Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft“, heißt es in der Untersuchung des DIA, das von Unternehmen der Finanzwirtschaft getragen wird. Die Herausgeber legen Wert darauf, im Gegensatz zu herkömmlichen Altersstudien eine Generationenbefragung zu liefern, die alle Altersgruppen einschließt und damit sowohl die gegenseitige Sicht der Generationen als auch die Veränderung von Einstellungen im Lebenszyklus abbilden soll.

Die Jungen sehen zu schwarz

So zeigt die Befragung von 3030 Teilnehmern ab 18 Jahren unter anderem, dass sich die Sorgen junger Menschen vor finanziellen Einbußen, vor Langeweile und Einsamkeit im Rentenalter längst nicht so negativ einstellen, wie sie es häufig erwarten. Was die Generationen hingegen gemeinsam haben, ist die Erfahrung häufiger persönlicher Veränderungen der Arbeitswelt. Sie teilen auch die wachsende Vorfreude auf den Ruhestand – zugleich hat ein Drittel der Ruheständler über das Renteneintrittsalter hinaus gearbeitet oder hätte das gern getan, wenn die Gelegenheit vorhanden gewesen wäre.

Wo Alt und Jung auseinander liegen

Ein Viertel der befragten Ruheständler bekannte sich zu gesundheitlichen Nöten, die Erwartung aller Befragten lag bei nur 21 Prozent. Auch hinsichtlich der Finanzen wird ein Unterschied sichtbar: 22 Prozent der älteren Umfrageteilnehmer nannten Geldprobleme, von allen Befragten erwarteten das 27 Prozent für ihr Alter. Neben Gesundheit und Finanzen bewegen weitere Alltagsprobleme die Generationen: fehlende Sozialkontakte (Ruheständler: 10 %; Erwartung aller Befragten: 12 %) und Langeweile (8 %; bzw. 16 %). Immerhin freuten sich 64 Prozent aller Erwerbstätigen auf den Ruhestand.

Eltern bauen auf ihre Kinder

Für den Fall ihrer eigenen späteren Pflegebedürftigkeit rechnen viele Teilnehmer mit einer positiven Lösung. Kinderlose gehen zu 40 Prozent davon aus, Eltern setzten oft auf ihre Kinder – je mehr desto optimistischer. Bei einem Kind sind es 53 Prozent, bei zwei Kindern 55 Prozent, bei drei Kindern 60 Prozent und bei vier Kindern 64 Prozent. „Auch das Einkommen spielt bei den Annahmen zur eigenen möglichen Pflegesituation eine erhebliche Rolle. Je höher es aktuell ist, desto optimistischer sind die Befragten“, stellt die Untersuchung fest. Unter den Personen mit einem Monatseinkommen unter 1.000 Euro gehen nur 28 Prozent von einer guten Alterspflege aus. In der Einkommensklasse 4.000 Euro und mehr sind es dagegen 61 Prozent.

 

Mehr Respekt bitte!

„Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft dem Alter gegenüber heute mehr oder weniger Respekt entgegenbringt als Sie es früher erlebt haben?“ Diese Frage verneinten 57 Prozent der Befragten ab 50 Jahren. Knapp ein Drittel sah keine Veränderung, nur fünf Prozent nahm sogar mehr Respekt wahr. Ältere zeigten sich auch hinsichtlich weiterer sozialer Werte ernüchtert: 51 Prozent hatten das Gefühl, dass heutzutage weniger soziale Sicherheit herrsche als früher, 59 Prozent verspürten weniger Solidarität zwischen den Generationen.

Gesundheit und Finanzen größte Sorgen

Erwartungsgemäß bewerten ältere und jüngere Menschen zentrale Lebensaspekte unterschiedlich. Interessant wird die DIA-Expertise, wo sie sich auf die Befindlichkeit Älterer in der zweiten Lebenshälfte fokussiert: Gesundheit und Finanzen stellen die relativ größten Sorgen dar, Respekt, soziale Sicherheit und Solidarität sehen sie schwinden.

Die aktuelle Erhebung stammt von Juni/Juli 2020 und erscheint in vierter Folge. Die drei früheren Publikationen widmen sich den Themen „Einzigartigkeit des Alterns“ (2017), „Bewusster leben (2014) und „Vielfalt des Alterns (2011). Zusammen genommen ergeben die Beiträge ein vielfältiges Bild von Erwartungen, Realität und Lebensstil von Menschen hierzulande in der zweiten Lebenshälfte.

Klaus Morgenstern, Ältere erleben weniger Respekt, Hg.: Deutsches Institut für Altersvorsorge (DIA) in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut INSA Consulere, Berlin 2020

Ein gutes Altersbild ist die beste Vorsorge

Mit dem Alter, dem eigenen und dem anderer Generationen, haben wir oft Probleme, wusste schon Kurt Tucholsky: „Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.“ Zumindest für die Generation der unter 40-Jährigen stimmt das so nicht, belegt eine Umfrage des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Die Studie lenkt den Blick auf einen bislang unerforschten Aspekt des subjektiven Alternserlebens: Was jüngere Erwachsene über alte Menschen und das eigene Älterwerden denken, beeinflusst ihre eigene Gesundheit.

Was bedeuten Altersbilder für die Gesundheit?

Können ältere Kollegen mit jüngeren mithalten, sind Ältere körperlich eingeschränkt und einsam? Oder leben sie fit, sozial eingebunden und finanziell sorglos? Das Alters- und Selbstbild jedes Einzelnen besteht aus gesellschaftlichen Stereotypen vom Altern und Altsein, aus zugeschriebenen Eigenschaften und eigenen Erfahrungen. Und das hat Folgen für Gesundheit und Langlebigkeit. Längsschnittstudien belegen, dass Menschen mit negativem Altersbild mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt bekommen, unter Depressionen leiden und sich nach einer Krankheit schlechter erholen als Menschen mit einer positiven Sicht. Letztere hingegen leben durchschnittlich siebeneinhalb Jahre länger. Nur wie genau beeinflussen Altersbilder die persönliche Gesundheit und Langlebigkeit?

Wie wirken Altersbilder auf die eigene Gesundheit?

Die eine, alles erklärende Antwort gibt es nicht. Doch drei Wirkweisen stehen laut AOK-Report im Fokus wissenschaftlicher Begründungen:

  • Spezielle physiologische Mechanismen könnten dazu führen, dass eine positive Sicht auf das eigene Älterwerden zu einem geringeren Niveau von C-reaktivem Protein beiträgt, einem Biomarker für chronische entzündliche Prozesse im Körper. Die Folge wäre eine höhere Langlebigkeit.
  • Altersbilder steuern körperliche Aktivitäten und beeinflussen somit Gesundheit und Fitness. Studien zeigen, dass Menschen mit einem negativen Bild vom Älterwerden deutlich seltener körperlich aktiv sind.
  • Schließlich spielen auch psychologische Faktoren eine Rolle. So haben Menschen mit abträglichen Altersvorstellungen eher das Gefühl, im Alltag weniger selbst beeinflussen zu können. Ihr Lebenswille ist geringer ausgeprägt, ihr Lebensstil ist weniger gesundheitsförderlich, merkt der Report an.

Was denken junge Erwachsene über alte Menschen?

Die Menschen haben bereits ab 18 Jahren klare Vorstellungen vom Alter generell, stellt die Studie fest. Fast drei Viertel (74,3 %) der befragten 18- bis 39-Jährigen betrachtet alte Menschen als gesundheitlich eher eingeschränkt. Zwei Drittel (68 %) meinen, dass sie nur über wenig Geld verfügen, mehr als die Hälfte (56,1 %) glaubt, dass alte Menschen sich eher nicht mehr auf Veränderungen einstellen können und einsam sind (54,8 %). „Insgesamt lässt sich festhalten, dass junge Menschen ein eher negatives Bild von Älteren haben“, fassen die Autor*innen zusammen. Das gelte vor allem dann, wenn sie mit dem eigenen Leben oder ihrer Gesundheit wenig zufrieden seien.

Was verbinden junge Erwachsene mit dem eigenen Älterwerden?

Auffallenderweise verbinden Menschen mit häufigem Kontakt zu Älteren das eigene Älterwerden weniger mit körperlichen Einschränkungen (61,8 %) als Menschen ohne oder mit nur seltenem Kontakt – das persönliche Erleben bewahrt also vor allgemein negativen Altersstereotypen. Wichtige Voraussetzungen für eine positive Sicht auf das eigene Älterwerden sind auch Bildung und gute Gesundheit.

Insgesamt nehmen junge Erwachsene ihr eigenes Älterwerden differenziert wahr, d. h. insgesamt weniger negativ, führt die Studie aus. Demnach verbinden nahezu alle Befragten ihr künftiges Alter mit persönlicher Weiterentwicklung, zwei Drittel aber auch mit körperlichen Einschränkungen und ein Viertel mit sozialen Verlusten.

Was tun die Jüngeren für ihr gesundes Altern?

Ein erheblicher Anteil von Menschen in der ersten Lebenshälfte sorgt fürs Alter vor, nicht nur finanziell. Familie (59,3 %) und Fitness (58 %) genießen in puncto Vorsorge einen höheren Stellenwert als Finanzen (40,5 %) und Pflegebedürftigkeit im Alter (29,5 %). Dass ein negatives Altersbild den Vorsorgegedanken prägt, ist anzunehmen, wird aber nicht erforscht.

So bleibt auch offen, inwieweit das Bewusstsein für gesundheitliche Prävention, Bildung und finanzielle Vorsorge bei der jüngeren Generation insgesamt zunimmt. „Dies wäre zu wünschen, da die Grundlagen für gesundes Älterwerden bereits früh im Lebenslauf gelegt werden – sei es durch vorsorgendes Verhalten, einen gesunden Lebensstil oder durch Pflege der Sozialkontakte“, äußern die Autor*innen. Um die Situation jüngerer Erwachsener im späteren Rentenalter positiv zu gestalten, sollten bereits heute entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Vorsorge für das eigene Alter und eine realistische, vielfältige und positive Sicht aufs Älterwerden zu unterstützen, kann hier eine wichtige Stellschraube sein, um positives Älterwerden für die heute jüngere Generation zu ermöglichen.“

 

Anne Blawert / Anna Kornadt / Helmut Schröder / Susanne Wurm / Klaus Zok, Gesund altern. Ergebnisse einer Repräsentativumfrage zu Altersbildern junger Erwachsener, WIdO-Monitor, Hg.: Wissenschaftliches Institut der AOK, 1/2020,

 Nachhaltigkeit

Wahre Kosten: Ein Preisschild für die Umwelt

Wie viel lassen wir uns unsere Lebensmittel kosten? Die Preise sollen verbraucherfreundlich sein, den Erzeugern ein faires Auskommen sichern und nicht zulasten der Umwelt gehen. Tatsächlich machen sich Verbraucher nur selten Gedanken über die wahren Kosten ihres Einkaufs, die auf keinem Kassenzettel stehen. Ein Experiment des zur REWE-Gruppe gehörenden Discounters Penny geht den ökologischen Zusatzkosten von Lebensmitteln nach und lässt den Schluss zu: An der Supermarktkasse wird nur ein Dumpingpreis fällig.

Aktueller Verkaufspreis und wahrer Preis

Was auf den ersten Blick das Verbraucherherz erfreut, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als die berühmte Milchmädchenrechnung, will das Projekt deutlich machen. Im ersten „Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt“ von Penny in Berlin-Spandau erhalten ausgewählte Produkte eine doppelte Preisauszeichnung: mit dem fälligen Verkaufspreis und dem wahren Preis („True Costs“), der die versteckten sozialen und ökologischen Kosten einschließt. Forschende der Universitäten Augsburg und Greifswald begleiteten das Vorhaben.

Versteckte Kosten ans Licht gebracht 

Tobias Gaugler vom Institut für Materials Resource Management an der Universität Augsburg erläutert den Hintergrund: „Die aktuellen Verkaufspreise für Lebensmittel spiegeln die Kosten der Umweltfolgen von Stickstoff, Klimagasen und Energieerzeugung nicht oder nur unzureichend wider. Die Schadkosten fallen aber dennoch an, eben nur versteckt.“ Damit rücken die „negativen externen Effekte“ ins Blickfeld. Sie werden indirekt von der Gesamtgesellschaft getragen und finden sich in der Wasser- und Stromrechnung (Trinkwasseraufbereitung, Energiekosten) sowie im Steueraufkommen (Umweltschutz) wieder.

Gewaltige Aufschläge bei konventioneller Erzeugung

Die Wissenschaftler*innen bezogen acht Produkte in die Kalkulation ein, jeweils aus konventioneller und biologischer Erzeugung. Alle Produkte verursachen Aufschläge bei den wahren Kosten:

  • Apfel: konventionell 8%, bio 4%
  • Banane: konventionell 19%, bio 9%
  • Kartoffel: konventionell 12%, bio 6%
  • Tomate: konventionell 12%, bio 5%
  • Mozzarella: konventionell 52%, bio 30%
  • Gouda: konventionell 88%, bio 33%
  • Milch: konventionell 122%, bio 69%
  • Hackfleisch (gemischt): konventionell 173%, bio 126%

Die Aufschläge sind teils erheblich, insbesondere bei Fleisch und Milchprodukten, ergibt die Berechnung der Forscher*innen. Hier schlagen Futtermittel, Treibhausgase (Methan), Stickstoffkosten (Exkremente) und Grundwasserbelastung besonders stark zu Buche.

Wahre Kosten erheblich höher

So müsste der Preis für Fleisch aus konventioneller Aufzucht bei Berücksichtigung der versteckten Kosten um 173 Prozent zulegen – 500 Gramm gemischtes Hackfleisch würden sich folglich von 2,79 Euro auf 7,62 Euro verteuern.

Milch käme 122 Prozent teurer, Gouda-Käse 88 Prozent. Deutlich geringer wären die Aufschläge bei Obst und Gemüse. Bei Bio-Produkten ist der Unterschied zwischen Verkaufspreis und wahren Kosten kleiner, da die Umweltbelastungen geringer sind. Doch auch bei Biofleisch müsste der Verbraucher 126 Prozent zusätzlich berappen. Insgesamt gilt für einen Einkaufskorb, der die versteckten Kosten einrechnet: „Unter Berücksichtigung der Verzehrgewohnheiten ergibt sich ein Zuschlag von 52 Prozent (konventionell) und 32 Prozent (ökologisch).“

Bio-Lebensmittel im Vorteil

Darin sind noch längst nicht alle externen Kosten enthalten. Weitere Indikatoren entlang der landwirtschaftlichen Produktionskette fanden aufgrund unzureichender Datenlage keine Berücksichtigung: Gesundheitsschäden durch Pestizidgebrauch, Antibiotika und Phosphatdüngung sowie Aspekte von Tierwohl und Fehlernährung. Sie würden die wahren Kosten erhöhen, jedoch den biologisch erzeugten Lebensmitteln einen relativen Vorteil verschaffen.

Experiment mit offenem Ausgang

„Mit dem Projekt möchten wir Transparenz über die Folgekosten unseres Konsums schaffen. Wir wollen damit eine Diskussion anstoßen und keine Schuldzuweisung formulieren“, zieht ein Unternehmenssprecher bei Penny ein vorläufiges Resümee. Weder wolle man künftig die Produkte teurer machen, noch auf Sonderangebote verzichten. Zur Lenkungswirkung der doppelten Preisauszeichnung liegen derzeit noch keine sicheren Erkenntnisse vor. „Es ist ein Experiment, ob ein derart komplexes Thema in einem Discounter und der alltäglichen Einkaufshektik transportiert werden kann. Sollte dem so sein, dann wäre die verstärkte Nachfrage nach Bio-Produkten ein Indiz dafür“, so ein Sprecher gegenüber BFS-Trendinfo.

Der Verbraucher hat es in der Hand

Es werde aber gewiss noch einige Zeit dauern, bis sich ein stabiler Trend als Entscheidungsgrundlage herausgeschält habe. Nicht zuletzt die Verunsicherung durch die Corona-Pandemie erschwere die Einschätzung.

So liegt es auch am Verbraucher, inwieweit er dem Wunsch nach nachhaltigem Konsum auch bei Einkauf im Supermarkt nachkommt. Bei Penny wartet man ab: Das Projekt bleibt vorerst auf die Berliner Filiale beschränkt. „Eine Ausweitung ist zwar theoretisch denkbar, aber aktuell nicht geplant.“

Weitere Informationen:

www.penny-gruener-weg.de

Maximilian Pieper / Amelie Michalke / Tobias Gaugler: Calculation of external climate costs for food highlights inadequate pricing of animal products, Nat Commun 11, 2020, Download

Elisabeth Kagermeier, Lebensmittelpreise in Deutschland: Angemessen – oder zu billig? Bayrischer Rundfunk, 06.02.2020, Download

destatis: Pflegestatistik 2019 erschienen

4,1 Millionen Pflegebedürftige zum Jahresende 2019

Im Dezember 2019 waren in Deutschland 4,13 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, hatte die Zahl der Pflegebedürftigen im Dezember 2017 bei 3,41 Millionen gelegen. Die starke Zunahme um 0,71 Millionen Pflegebedürftige (+21 %) ist zum großen Teil auf die Einführung des neuen, weiter gefassten Pflegebedürftigkeitsbegriffs zum 01.01.2017 zurückzuführen. Seither werden mehr Menschen als pflegebedürftig eingestuft als zuvor.

Vier von fünf Pflegebedürftigen (80 % beziehungsweise 3,31 Millionen) wurden zu Hause versorgt. Davon wurden 2,33 Millionen Pflegebedürftige überwiegend durch Angehörige gepflegt. Weitere 0,98 Millionen Pflegebedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten und wurden zusammen mit oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt. Ein Fünftel der Pflegebedürftigen (20 % beziehungsweise 0,82 Millionen) wurde in Pflegeheimen vollstationär betreut.

Im Vergleich zu Dezember 2017 ist die Zahl der in Heimen vollstationär versorgten Pflegebedürftigen konstant geblieben (+0,0 %). Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden Ende 2019 hierzulande 2,1 Millionen Menschen mit Pflegegrad 2 bis 5 und damit mehr als die Hälfte aller 4,1 Millionen Pflegebedürftigen (51,3 %) allein durch Angehörige zu Hause versorgt. 72 700 von ihnen hatten den höchsten Pflegegrad (5) und wiesen damit schwerste Beeinträchtigungen mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung auf.

Ende 2019 waren 80 % der Pflegebedürftigen 65 Jahre und älter, mehr als ein Drittel (34 %) war mindestens 85 Jahre alt. Die Mehrheit der Pflegebedürftigen war weiblich (62 %).

Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu sein. Während bei den 70- bis 74-Jährigen rund 8 % pflegebedürftig waren, wurde für die ab 90-Jährigen die höchste Pflegequote ermittelt: Der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung in diesem Alter betrug 76 %.

Weitere Ergebnisse und Erläuterungen der zweijährlichen Statistik – insbesondere auch zu Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten einschließlich des Personals – stehen in der Publikation„Pflegestatistik 2019 – Deutschlandergebnisse“ sowie in den Tabellen zur Pflegestatistik (224) in der Datenbank GENESIS-Online (zum Beispiel Pflegebedürftige nach Art der Versorgung und Altersgruppen in 22421-0001) zur Verfügung.

Quellen: destatis PM Nr. 507 vom 15.12.2020 mit Korrekturen für den häuslichen Bereich aus der destatis PM N083 vom 18.12.2020

 

Klimawandel

Grüne Flächen braucht die Stadt

Drückende Hitze, die Luft steht in den Straßen. Schon im Hochsommer rascheln erste Laubblätter übers Trottoir, immer häufiger sieht man Bäume mit einem grünen Wassersack um den Stamm geschnallt. Aber auch das: Unwetter mit Starkregen und Hagel räumen Dächer ab, überfluten Keller und verwandeln Ortskerne in Flusslandschaften. Der Klimawandel rückt spürbar nahe, Wetterextreme mit Trockenperioden, Starkregen und Hagelschlag setzen Kommunen unter Handlungsdruck. Ein Hintergrundpapier des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) klärt auf, wie sich Kommunen auf den Klimawandel einstellen können.

Warum sind Städte besonders betroffen?

Städte reagieren auf extreme Wetterlagen besonders empfindlich. Dichte Bebauung wirkt als Wärmespeicher und hemmt die Luftzirkulation, großflächige Bodenversiegelung verhindert Abkühlung durch Verdunsten. Heftige Niederschläge in kurzer Zeit überfordern die Kanalisation, fluten Keller und beschädigen Gebäude. Der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland kann bis zu zehn Grad Celsius betragen. Nach einer Umfrage des Bundesumweltamtes (2018) erstellen immer mehr Kommunen Gefahrenkarten, in denen Risikozonen für Aufheizung und Überflutung dargestellt sind. Kommunen und Eigentümer erhalten damit Hilfen zur Planung von Anpassungsmaßnahmen. Die aufgelisteten Maßnahmen des Hintergrundpapiers gliedern sich nach Hitze- und Starkregenereignissen:

Linderung sommerlicher Hitze

  • Parks, Grünflächen, Kleingartenanlagen und Friedhöfe bilden einen natürlichen Ausgleich zur versiegelten Stadtbebauung und müssen gesichert werden. Bäume spenden Schatten, Pflanzen verdunsten Feuchtigkeit – beides sorgt für Kühlung. Diese Flächen müssen gehegt und gepflegt werden. Bei Anpflanzungen ist auf hitze- und trockenheitstolerante Arten zu achten (z. B. Ahorn, Eiche, Schlehe), Maßnahmen zur Dach- und Fassadenbegrünung sollten forciert angegangen werden.
  • Weiden, Äcker und Brachen am Stadtrand versorgen das Stadtinnere mit steter Zufuhr von kühlender Luft. Die Bauleitplanung ist gefragt, Korridore zum Luftaustausch durch Straßenführung, Bahntrassen, Fluss- und Bachläufe zu nutzen. In bebauten Bereichen dient die optimierte Ausrichtung von Gebäudelängsachsen der Luftzirkulation.
  • Eine klimabewusste Flächennutzung steht in natürlicher Spannung zur anhaltenden Wohnraumnachfrage. Aufstockung, Anbau und Blockrandschließung wirken sich weniger auf das Stadtklima aus als Neuerschließungen. Innenhöfe sollten nur behutsam bebaut werden.
  • Helle Oberflächenmaterialien reflektieren die Sonneneinstrahlung, dunkle Flächen wie Asphalt und Beton absorbieren die Sonnenenergie, heizen sich auf und geben ihre Wärme an die Umgebung ab. Die Oberflächen von Plätzen, Straßen, Fassaden und Dächern sollten daher aus hellen Materialien bestehen, so wie es etwa in Südeuropa zu beobachten ist.
  • Flächenentsiegelung durch Rasengittersteine und fugenreiche Pflasterung von Plätzen und Parkflächen erhöht die Wasserdurchlässigkeit und trägt zur Temperaturabsenkung in Hitzeperioden bei.

Schutz vor Sturzfluten

  • Gezielte Regenwasserbewirtschaftung sorgt für dezentrale Versickerung von Niederschlägen. Dazu bedürfen die kommunalen Kanalnetze der Entlastung, zum Beispiel durch Grünflächen und künstlich geschaffene Sickerbereiche wie Mulden und Sickergruben.
  • Über die Entlastung des Kanalnetzes hinaus nehmen Retentionsspeicher das Regenwasser auf und geben es zeitverzögert wieder ab: Schächte aus Beton oder Kunststoff, Teiche oder Regentonnen. Dezentral angelegte Rigolen (Pufferspeicher) nutzen die gesammelten Niederschläge zur regelmäßigen Bewässerung städtischer Grünanlagen. Dachbegrünungen halten zwischen 50 und 90 Prozent der Niederschläge auf den Dachflächen zurück.

Eine intelligente Infrastrukturplanung zielt auf die großflächige Rückhaltung und Ableitung von Regenwasser. Dazu eignen sich zusätzlich zu den genannten Beispielen auch tieferliegende Flächen wie Sportplätze, Parkplätze und Schulhöfe. Zentrale Herausforderung ist die kontrollierte Lenkung des Wassers in offene Mulden, Gräben und weitere Speicher, etwa durch die Einbeziehung von Straßen und natürlichem Gefälle.

Städte sind unser Lebensraum

Knapp 80 Prozent aller Deutschen wohnen in Städten oder Ballungsräumen. Deutschland hat 79 Großstädte, also Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Das Klimathema geht zwar alle an, betrifft aber nicht alle Städte gleichermaßen – eine küstennahe Metropole wie Hamburg setzt andere Prioritäten als Berlin oder Köln. Die Digitalisierung eröffnet auch hier neue Möglichkeiten: So soll das aktuell an der Universität Hannover entwickelte Simulationsprogramm MOSAIK-2 die Verantwortlichen darin unterstützen, auf der Basis präziser Prognosen für lokale und regionale Klimafolgen geeignete Anpassungsmaßnahmen zu planen. Klar ist: Es bedarf vielfältiger Anstrengungen, um die bedrohlichen Klimaveränderungen zu mindern und so zum Erhalt einer lebenswerten Umwelt beizutragen. Viele Akteure können dazu beitragen – Politiker, Planer, Wissenschaftler – und wir selbst.

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.), Hitze und Starkregen: Wie sich Städte anpassen können. BBSR-Hintergrundpapier, August 2020, Download

Informationsportal des BBSR zu Klimawandel und Raumentwicklung:
www.klimastadtraum.de

Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hg.), Wie stark trifft der Klimawandel unsere Städte? (Pressemeldung)

Umweltbundesamt (Hg.), Umfrage: Wirkung der Deutschen Anpassungsstrategie (DAS) für die Kommunen, Januar 2019, Download

NABU-Bundesverband (Hg.), StadtKlimaWandel. Rezepte für mehr Lebensqualität und ein besseres Klima in der Stadt, Berlin 2010, Download

Erleichterungen in Pflegeheimen jetzt umsetzen: BAGSO dringt auf klare Vorgaben

 

In vielen Pflegeeinrichtungen ist die Impfkampagne abgeschlossen, doch die Bewohnerinnen und Bewohner warten immer noch auf eine Rückkehr zur Normalität. Die BAGSO begrüßt, dass die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten in ihrer Sitzung am 22.3.2021 beschlossen haben, dass zwei Wochen nach der Zweitimpfung Besuchsmöglichkeiten in den Einrichtungen wieder erweitert und wohnbereichsübergreifende Angebote durchgeführt werden können. Einige Bundesländer haben den Beschluss bislang jedoch nicht in die Landesregelungen aufgenommen. Die BAGSO hat in einem Brief die Verantwortlichen in den Ländern aufgefordert, den Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz jetzt umzusetzen.

Aus BAGSO newsletter

Reform der Pflegeversicherung: Protest gegen geplante Kürzungen

 

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) arbeitet an einer Reform der Pflegeversicherung. Nach den bekannt gewordenen Plänen sollen unter anderem Kürzungen bei den Leistungen für die Tagespflege und die stundenweise Verhinderungspflege vorgenommen werden. Diese könnten nur noch zu 50 Prozent in Anspruch genommen werden, wenn der Pflegedienst ergänzende Leistungen übernimmt. Dagegen wenden sich zum Beispiel die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) und der Sozialverband VdK Deutschland.

Aus BAGSO newsletter

Sprachassistenten im Alltag älterer Menschen: Erste Erfahrungen im KI-Projekt
 

 

Das Wetter vorhersagen, den Wecker stellen, Einkaufszettel schreiben, Musik abspielen – Sprachsteuerungsfunktionen stehen im Zentrum vieler neuer Technologien und Anwendungen. Im BAGSO-Projekt „Digital souverän mit KI“ werden die gängigsten Sprachassistenten mit Staubsaugerrobotern, Fernsehern oder Smartphones auf ihren Nutzen im Alltag Älterer getestet. Wie die 16 lokalen Projektpartner Nutzen und Risiken der Sprachbedienung bewerten, wie Sicherheitseinstellungen vorzunehmen sind, welche nützlichen Funktionen und Lernmaterialien es gibt, ist auf wissensdurstig.de gebündelt nachzulesen.

https://www.wissensdurstig.de/vereinfachen-sprachassistenten-den-alltag-aelterer-menschen/

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BAGSO begrüßt Klarstellung des Deutschen Ethikrats: Außergewöhnliche Freiheitsbeschränkungen in Pflegeheimen beenden
 

 

Die BAGSO begrüßt die Positionierung des Deutschen Ethikrats in seiner Ad-hoc-Empfehlung „Besondere Regeln für Geimpfte?“ vom 4. Februar 2021. Sie hält es wie der Deutsche Ethikrat im Grundsatz für richtig, Menschen, die bereits geimpft wurden, und solche, die diese Möglichkeit noch nicht hatten, bis auf weiteres gleich zu behandeln. Zugleich spricht sich das Gremium dafür aus, die besonderen Freiheitsbeschränkungen für Bewohnerinnen und Bewohner in Pflege-, Senioren-, Behinderten- und Hospizeinrichtungen für Geimpfte aufzuheben. Die BAGSO unterstützt diese Position ausdrücklich.

Aus BAGSO newsletter

Evangelische Kirche: Debatte um assistierten Suizid

In der aktuellen Debatte um den Umgang mit Sterbehilfe hat die EKD ihre Position noch einmal bekräftigt. „Jede organisierte Hilfe zum Suizid, die dazu beiträgt, dass die Selbsttötung zur Option neben anderen wird, lehnt die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ab“. Die EKD setzt sich für den Schutz des Lebens ein, indem sie für die Bereitstellung palliativer Versorgung, Seelsorge, Beratung und die Arbeit der Hospize plädiert. Gleichzeitig hält sie den gesellschaftlichen Diskurs über Leid und Tod weiter für notwendig.

Aus EKD newsletter

Bundespräsident Steinmeier eröffnet 13. Deutschen Seniorentag 2021
 
   

 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernimmt die Schirmherrschaft über den 13. Deutschen Seniorentag 2021. Er hat angekündigt, die Veranstaltung persönlich zu eröffnen. Der Deutsche Seniorentag findet vom 24. bis 26. November 2021 im Hannover Congress Centrum (HCC) statt und steht unter dem Motto „Wir. Alle. Zusammen.“. In dem dreitägigen Programm und auf der Messe des Deutschen Seniorentages geht es um die Themen Gesundheit und Pflege, Wohnen, Engagement, Bildung und Digitalisierung. Soweit möglich und verantwortbar, wird der Deutsche Seniorentag in Präsenz stattfinden. Der Veranstaltungsflyer kann kostenlos auch in großer Stückzahl bestellt werden.

www.deutscher-seniorentag.de

 

 

 

Impressum: Karl-Heinz Pastoors, Vorsitzender Kreisseniorenrat Schwäbisch Hall

         Am Postgütle 2/11, 74523 Schwäbisch Hall, Tel. 0791 97824579

                  kreisseniorenrat-sha@karl-heinz-pastoors.de

 

Dieses Rundmail dient ausschließlich zur Information über Belange der Seniorenarbeit. Der Kreisseniorenrat sammelt mit diesem Rundmail keine personenbezogenen Daten und gibt auch keine personenbezogenen Daten an Dritte weiter, außer bei gesetzlicher Verpflichtung. Die Mails werden ausschließlich auf Servern in Deutschland verarbeitet und SSl-verschlüsselt übermittelt.

Sollten Sie das Rundmail nicht mehr erhalten wollen, dann senden Sie uns ein kurzes Antwortmail: „Bitte meine Adresse aus dem Verteiler löschen“. Sie wird dann umgehend aus dem Dateisystem gelöscht

Die Freiheit und das Gemeinwohl: Wie Corona Deutschland spaltet und auch eint

Wie blicken die Menschen in Deutschland auf die Corona-Maßnahmen? Unsere Studie zeigt sieben verschiedene Wertemilieus in der Gesellschaft, die zwischen Gemeinwohl und individueller Freiheit sehr unterschiedlich abwägen. Diese Unterschiede zeigen sich auch bei der Impfbereitschaft. Einigkeit herrscht beim Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung.

Ein Drittel der befragten Deutschen lehnt die Einschränkung von Freiheitsrechten in der Corona-Pandemie ab. 34 Prozent geben an, dass sie sich nicht impfen lassen wollen. Auf der anderen Seite sind aber rund zwei Drittel der Deutschen den Corona-Maßnahmen gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt.

Das zeigt eine Umfrage, die das Norstat Institut in unserem Auftrag Ende 2020 mit über 1.012 Personen online durchgeführt hat. Die Studie „Zwischen individueller Freiheit und Gemeinwohl“ blickt aber auch genauer auf die Unterschiede, die es zu diesen Themen in der Corona-Debatte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Wertemilieus gibt. Die Gruppe der besonders leistungs- und erfolgsorientierten Menschen lehnt mit 45 Prozent Freiheitseinschränkungen und Impfen überdurchschnittlich häufig ab.

Sieben Wertemilieus und ihre Sicht auf Corona

Die aktuelle Studie untersucht sieben unterschiedliche Wertemilieus, die in Deutschland etwa gleich stark vertreten sind und sich in der Bewertung der aktuellen Pandemiemaßnahmen deutlich unterscheiden: kreative Idealist:innen, bescheidene Humanist:innen, individualistische Materialist:innen, unbeschwerte Beziehungsmenschen, sicherheitsorientierte Konservative, leistungsorientierte Macher:innen und unkonventionelle Selbstverwirklicher:innen.

So finden sich auf der einen Seite die Humanist:innen, die den Vorrang des Lebensschutzes und die pandemiebedingten Einschränkungen überzeugt mittragen. Auf der anderen Seite stehen die Leistungsorientierten, die Eingriffe in Freiheitsrechte als ausgesprochen problematisch empfinden. Während rund 80 Prozent der Humanist:innen zur Bekämpfung der Pandemie die Einschränkung von Freiheitsrechten akzeptieren, lehnt etwa die Hälfte der Leistungsorientierten solche Freiheitseinschränkungen „voll und ganz“ (19 Prozent) oder „eher“ (26 Prozent) ab. Besonders entschieden ist der Vorbehalt gegen die Beschneidung individueller Freiheiten in der Gruppe der stark materialistisch orientierten Personen: Hier lehnt fast jede:r Vierte (24 Prozent) dies voll und ganz ab.

Auch Impfbereitschaft unterscheidet sich je nach Wertemilieu

„Auch wenn solche gegensätzlichen Haltungen den Eindruck gesellschaftlicher Zerrissenheit vermitteln, sind sie doch zunächst Ausdruck unserer vielfältigen Gesellschaft“, erklärt Stephan Vopel, unser Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Für den richtigen Weg im Umgang mit der Pandemie müssen grundlegende Werte wie Gemeinwohl und Freiheit in einer lebendigen Demokratie sorgsam ausbalanciert werden. Positiv ist: Strittig sind zwischen den Wertemilieus nicht die Werte als solche, sondern ihre Abwägung in der aktuellen Krise.“

Wertemilieus, die eine Beschneidung von Freiheitsrechten kritisch sehen, zeigen sich auch skeptisch in der Frage von Impfungen: 44 Prozent der Leistungsorientierten und 40 Prozent der Materialist:innen geben an, sich auf keinen Fall gegen Corona impfen lassen zu wollen. In der Gruppe der Humanist:innen sind dagegen drei Viertel zu Impfungen positiv eingestellt.

Mit den Leistungsorientierten und den individualistischen Materialist:innen gibt es zwei Gruppen, die den aktuellen Corona-Maßnahmen insgesamt recht kritisch gegenüberstehen. Die leistungsorientierten Macher:innen haben den jüngsten Altersdurchschnitt aller Wertemilieus. Sie sind durchaus am Gemeinwohl orientiert, gewichten aber Werte rund um Leistung, Erfolg und Freiheit sehr hoch. Wenn dieses Wertemilieu in der aktuellen Debatte nicht angemessen berücksichtigt wird, kann dies langfristig den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. „In dieser Gruppe finden sich starke gesellschaftliche Leistungsträger:innen“, erklärt El-Menouar. „Viele davon sehen ihre Werteprioritäten in der aktuellen Debatte nicht gebührend widergespiegelt.“

Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung und Chancen in der Krise

Insgesamt 45 Prozent der Befragten sind überzeugt, die Corona-Krise könne auch positive Wirkungen haben, etwa mit Blick auf Klimaschutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei den leistungsorientierten Macher:innen erwarten sogar 57 Prozent solche Positivaspekte. Hier zeigen sich klare Unterschiede zu den Materialist:innen, von denen nur gut ein Viertel positive Auswirkungen sieht.

Die Analyse der Einstellungen zu Corona zeigt zudem: Viele wollen kein einfaches Zurück zur „alten Normalität“. Über 80 Prozent der Befragten halten einen gesellschaftlichen Wandel für wichtig und sind der Meinung, die Corona-Pandemie habe dies noch klarer sichtbar gemacht. Dieser Veränderungswunsch zieht sich durch alle Wertemilieus.

„Unser Blick auf die Wertemilieus zeigt wichtige Unterschiede, aber ebenso Gemeinsamkeiten“, erklärt El-Menouar. „Wir müssen in Zeiten von Corona darauf achten, dass alle großen gesellschaftlichen Gruppen mit ihren Interessen gehört und in ihren Wertvorstellungen gewürdigt werden.“ So erleben etwa die leistungsorientierten Macher:innen und die individualistischen Materialist:innen, dass Freiheitsrechte, die für sie sehr wichtig sind, wegen Corona eingeschränkt werden. „Hier muss die Politik noch deutlicher machen, dass individuelle Freiheiten und Leistungsbereitschaft für unsere Gesellschaft weiter von entscheidender Bedeutung sind, und dass es sich bei den derzeitigen Einschränkungen um zeitlich klar begrenzte Maßnahmen handelt, die dazu dienen, schnell wieder ein freies und eigenbestimmtes Leben führen zu können“, so El-Menouar.

Aus newsletter der Bertelsmann Stiftung

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destatis: Pflegestatistik 2019 erschienen

4,1 Millionen Pflegebedürftige zum Jahresende 2019

Im Dezember 2019 waren in Deutschland 4,13 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, hatte die Zahl der Pflegebedürftigen im Dezember 2017 bei 3,41 Millionen gelegen. Die starke Zunahme um 0,71 Millionen Pflegebedürftige (+21 %) ist zum großen Teil auf die Einführung des neuen, weiter gefassten Pflegebedürftigkeitsbegriffs zum 01.01.2017 zurückzuführen. Seither werden mehr Menschen als pflegebedürftig eingestuft als zuvor.

Vier von fünf Pflegebedürftigen (80 % beziehungsweise 3,31 Millionen) wurden zu Hause versorgt. Davon wurden 2,33 Millionen Pflegebedürftige überwiegend durch Angehörige gepflegt. Weitere 0,98 Millionen Pflegebedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten und wurden zusammen mit oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste versorgt. Ein Fünftel der Pflegebedürftigen (20 % beziehungsweise 0,82 Millionen) wurde in Pflegeheimen vollstationär betreut.

Im Vergleich zu Dezember 2017 ist die Zahl der in Heimen vollstationär versorgten Pflegebedürftigen konstant geblieben (+0,0 %). Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden Ende 2019 hierzulande 2,1 Millionen Menschen mit Pflegegrad 2 bis 5 und damit mehr als die Hälfte aller 4,1 Millionen Pflegebedürftigen (51,3 %) allein durch Angehörige zu Hause versorgt. 72 700 von ihnen hatten den höchsten Pflegegrad (5) und wiesen damit schwerste Beeinträchtigungen mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung auf.

Ende 2019 waren 80 % der Pflegebedürftigen 65 Jahre und älter, mehr als ein Drittel (34 %) war mindestens 85 Jahre alt. Die Mehrheit der Pflegebedürftigen war weiblich (62 %).

Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu sein. Während bei den 70- bis 74-Jährigen rund 8 % pflegebedürftig waren, wurde für die ab 90-Jährigen die höchste Pflegequote ermittelt: Der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung in diesem Alter betrug 76 %.

Weitere Ergebnisse und Erläuterungen der zweijährlichen Statistik – insbesondere auch zu Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten einschließlich des Personals – stehen in der Publikation„Pflegestatistik 2019 – Deutschlandergebnisse“ sowie in den Tabellen zur Pflegestatistik (224) in der Datenbank GENESIS-Online (zum Beispiel Pflegebedürftige nach Art der Versorgung und Altersgruppen in 22421-0001) zur Verfügung.

Quellen: destatis PM Nr. 507 vom 15.12.2020 mit Korrekturen für den häuslichen Bereich aus der destatis PM N083 vom 18.12.2020

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Evangelische Kirche:Debatte um assistierten Suizid

In der aktuellen Debatte um den Umgang mit Sterbehilfe hat die EKD ihre Position noch einmal bekräftigt. „Jede organisierte Hilfe zum Suizid, die dazu beiträgt, dass die Selbsttötung zur Option neben anderen wird, lehnt die Evangelische Kirche in Deutschland ausdrücklich ab“. Die EKD setzt sich für den Schutz des Lebens ein, indem sie für die Bereitstellung palliativer Versorgung, Seelsorge, Beratung und die Arbeit der Hospize plädiert. Gleichzeitig hält sie den gesellschaftlichen Diskurs über Leid und Tod weiter für notwendig.

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Coworking im ländlichen Raum: Eine Chance für strukturschwache Regionen

Angebote für mobiles und flexibles Arbeiten an gemeinschaftlich genutzten Orten gibt es in Ballungsgebieten schon länger. Eine Trendstudie in unserem Auftrag hat nun erstmals die Situation von Coworking im ländlichen Raum betrachtet. Demnach kann die neue Arbeitsform wichtige Impulse für die wirtschaftliche Wiederbelebung strukturschwacher Regionen geben.

Der verlassene Bäckerladen wird zur digitalen Kreativwerkstatt, die Streuobstwiese zur Stellfläche für mobile Arbeitsräume aus Containern: In den vergangenen Jahren sind in Deutschland immer mehr Coworking-Angebote im ländlichen Raum entstanden. Diese neue Form einer flexiblen und mobilen Berufsausübung in gemeinschaftlich genutzten Räumen besitzt viel Potenzial für die nachhaltige Belebung strukturschwacher Regionen. Dies geht aus der heute vorgestellten Trendstudie „Coworking im ländlichen Raum“ hervor, die erstmals ein genaueres Bild des Coworking-Phänomens jenseits der urbanen Ballungsräume zeichnet. Die CoWorkLand Genossenschaft sowie das Netzwerk Zukunftsorte haben in userem Auftrag über 200 Tiefeninterviews mit Nutzer:innen sowie Gründer:innen von Coworking-Orten bundesweit geführt. Die darin geschilderten Erfahrungen zeigen allerdings auch, dass Coworking auf dem Land stark von den technischen Gegebenheiten und der sozialen Vernetzung der Gründer:innen abhängt.

Der ländliche Raum wird oft als rückständig und abgehängt bewertet. Die Fallbeispiele in unserer Studie zeigen jedoch: Die Zukunft der Arbeit hat auf dem Land schon begonnen.

Schmied weiter: „Coworking gibt Menschen die Möglichkeit, wohnortnah gut ausgestattete Arbeitsplätze zu nutzen, ohne täglich weite Pendelstrecken auf sich zu nehmen. Ländliche Regionen, die unter Abwanderung und Überalterung leiden, lassen sich durch den Zuzug junger Familien und die Modernisierung der Infrastruktur neu beleben. Unternehmen profitieren von einem größeren Einzugsgebiet für Fachkräfte. Nicht zuletzt kann Coworking eine Triebkraft für den Wandel hin zu einer nachhaltigen, klimafreundlichen und modernen Wirtschaftswelt sein.“

Breite Zielgruppe und große Integrationskraft

Nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat das Landleben wieder an Attraktivität gewonnen: Umfragen zufolge würde eine Mehrheit der Deutschen lieber im Grünen als in der Großstadt wohnen. Wie aus den für diese Studie geführten Interviews hervorgeht, versprechen Coworking-Angebote eine bessere Vereinbarkeit von Berufsausübung und Wohnortwunsch. Ihr Potenzial für den ländlichen Raum zeigt sich in der vielfältigen Kundschaft. Unter den Nutzer:innen von Coworking auf dem Land finden sich viele Menschen im Angestelltenverhältnis, in unterschiedlichen Berufsbildern, ohne akademischen Schulabschluss und mit einer breiten Altersstruktur.

Coworking auf dem Land hat eine sehr viel breitere Zielgruppe und größere Integrationskraft als in der Stadt. Es wird von all jenen nachgefragt, die ein Bedürfnis nach Gemeinschaft haben und sich ihren Arbeitsort frei auswählen können.

Zwar zieht es auch hier Angehörige der Kreativ-, Digital- und IT-Wirtschaft – und damit die ursprüngliche Kernzielgruppe des Coworking – verstärkt ins Grüne. Doch die Coworker:innen in ländlichen Gebieten bilden ein weit gefächertes gesellschaftliches Spektrum ab, das auch Handwerker:innen, Wissenschaftler:innen, Berater:innen und Lehrer:innen umfasst. Auch die Anbieterseite zeichnet sich durch Vielfalt aus. Das zeigt der Blick auf die unterschiedlichen Orte und damit Geschäftsmodelle. Coworking-Einrichtungen finden sich beispielsweise an beliebten Pendlerrouten, auf abgelegenen Landgütern, leerstehenden Ladenlokalen in einer Kleinstadt, inmitten beliebter Urlaubsregionen oder auf einem Bauernhof am Dorfrand. „Wir sind davon überzeugt, dass Coworking auf dem Land das Zeug zum Massenphänomen hat und für einen wirksamen Strukturwandel sorgen kann – vor allem, wenn sich auch festangestellte Pendler:innen zunehmend für Coworking gewinnen lassen. In dieser Zielgruppe liegt noch großes und fast unberührtes Potenzial“, erläutert Bähr.

Lokale Netzwerke sind wichtiger Erfolgsfaktor

Allerdings zeigt die Studie, dass die Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells eine große Herausforderung bei der Errichtung eines Coworking-Spaces auf dem Land darstellt. Anders als in den Ballungsgebieten, ist daher das Agieren in lokalen Netzwerken aus Sicht vieler Befragter ein wichtiger Erfolgsfaktor – zumal es im ländlichen Raum noch keinen entwickelten Markt für die neuen Angebote gibt. „Damit sich die positiven Effekte des Coworking entfalten können, ist es notwendig, die besonderen Bedarfe dieser neuen ‚Landarbeiterschaft‘ zu berücksichtigen. Zudem brauchen die netzwerkorientierten Gründer:innen die notwendige Unterstützung aber auch den Freiraum, um ihre andersartigen, jenseits der Metropolen funktionierenden Geschäftsmodelle umzusetzen“, sagt Schmied. „Kommunalpolitik sowie die ortsansässige Wirtschaft oder Vereine können für die ländliche Coworking-Szene wichtige Netzwerkpartner sein und hier Starthilfe geben“, schlägt Bähr vor.

Coworking-Schub durch Corona

Im Zuge der Bekämpfung des Coronavirus haben sich viele berufliche Tätigkeiten vom Büro an alternative Arbeitsorte verlagert. Dieser Trend dürfte dem Coworking im ländlichen Raum zusätzlichen Auftrieb verleihen, wie die im Frühjahr während des Ausbruchs der Pandemie geführten Interviews nahe legen. Demnach haben sich Abstandsregeln und Kontaktverbote kurzfristig zwar als Belastung für das auf Gemeinsamkeit ausgerichtete Arbeitsmodell erwiesen. Auf längere Sicht betrachtet, haben die Corona-Erfahrungen aus Sicht vieler Befragter allerdings unter Beweis gestellt, dass das Arbeiten an einem anderen Ort als dem Büro in vielen Berufsfeldern funktioniert und sich Präsenzzeiten und damit auch das Pendeln reduzieren lassen.

Die Befragungen der Coworking-Gründer:innen und -Nutzer:innen unterstreichen, dass Angebote zum mobilen Arbeiten im ländlichen Raum gegenüber dem Homeoffice große Vorteile mit sich bringen. So fehlen bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden häufig die sozialen Kontakte und klare Abgrenzungen von beruflichen und privaten Aktivitäten. Auch Ablenkungen durch andere Haushalts- oder Familienmitglieder treten im Coworking-Space seltener auf. Nicht zuletzt ist dort in der Regel eine bessere technische Infrastruktur vorhanden. „Mobiles Arbeiten kommt den Bedürfnissen vieler Angestellter deutlich mehr entgegen als der bloße Umzug ins Homeoffice. Arbeitgeber:innen, Tarifpartner:innen sowie der Gesetzgeber sollten daher Rahmenbedingungen schaffen, die eine Verlagerung der Tätigkeiten an neue, alternative Arbeitsorte begünstigen“, empfiehlt Bähr.

Aus Bertelsmann newsletter

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Klimawandel

Grüne Flächen braucht die Stadt

Drückende Hitze, die Luft steht in den Straßen. Schon im Hochsommer rascheln erste Laubblätter übers Trottoir, immer häufiger sieht man Bäume mit einem grünen Wassersack um den Stamm geschnallt. Aber auch das: Unwetter mit Starkregen und Hagel räumen Dächer ab, überfluten Keller und verwandeln Ortskerne in Flusslandschaften. Der Klimawandel rückt spürbar nahe, Wetterextreme mit Trockenperioden, Starkregen und Hagelschlag setzen Kommunen unter Handlungsdruck. Ein Hintergrundpapier des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) klärt auf, wie sich Kommunen auf den Klimawandel einstellen können.

Warum sind Städte besonders betroffen?

Städte reagieren auf extreme Wetterlagen besonders empfindlich. Dichte Bebauung wirkt als Wärmespeicher und hemmt die Luftzirkulation, großflächige Bodenversiegelung verhindert Abkühlung durch Verdunsten. Heftige Niederschläge in kurzer Zeit überfordern die Kanalisation, fluten Keller und beschädigen Gebäude. Der Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland kann bis zu zehn Grad Celsius betragen. Nach einer Umfrage des Bundesumweltamtes (2018) erstellen immer mehr Kommunen Gefahrenkarten, in denen Risikozonen für Aufheizung und Überflutung dargestellt sind. Kommunen und Eigentümer erhalten damit Hilfen zur Planung von Anpassungsmaßnahmen. Die aufgelisteten Maßnahmen des Hintergrundpapiers gliedern sich nach Hitze- und Starkregenereignissen:

Linderung sommerlicher Hitze

  • Parks, Grünflächen, Kleingartenanlagen und Friedhöfe bilden einen natürlichen Ausgleich zur versiegelten Stadtbebauung und müssen gesichert werden. Bäume spenden Schatten, Pflanzen verdunsten Feuchtigkeit – beides sorgt für Kühlung. Diese Flächen müssen gehegt und gepflegt werden. Bei Anpflanzungen ist auf hitze- und trockenheitstolerante Arten zu achten (z. B. Ahorn, Eiche, Schlehe), Maßnahmen zur Dach- und Fassadenbegrünung sollten forciert angegangen werden.
  • Weiden, Äcker und Brachen am Stadtrand versorgen das Stadtinnere mit steter Zufuhr von kühlender Luft. Die Bauleitplanung ist gefragt, Korridore zum Luftaustausch durch Straßenführung, Bahntrassen, Fluss- und Bachläufe zu nutzen. In bebauten Bereichen dient die optimierte Ausrichtung von Gebäudelängsachsen der Luftzirkulation.
  • Eine klimabewusste Flächennutzung steht in natürlicher Spannung zur anhaltenden Wohnraumnachfrage. Aufstockung, Anbau und Blockrandschließung wirken sich weniger auf das Stadtklima aus als Neuerschließungen. Innenhöfe sollten nur behutsam bebaut werden.
  • Helle Oberflächenmaterialien reflektieren die Sonneneinstrahlung, dunkle Flächen wie Asphalt und Beton absorbieren die Sonnenenergie, heizen sich auf und geben ihre Wärme an die Umgebung ab. Die Oberflächen von Plätzen, Straßen, Fassaden und Dächern sollten daher aus hellen Materialien bestehen, so wie es etwa in Südeuropa zu beobachten ist.
  • Flächenentsiegelung durch Rasengittersteine und fugenreiche Pflasterung von Plätzen und Parkflächen erhöht die Wasserdurchlässigkeit und trägt zur Temperaturabsenkung in Hitzeperioden bei.

Schutz vor Sturzfluten

  • Gezielte Regenwasserbewirtschaftung sorgt für dezentrale Versickerung von Niederschlägen. Dazu bedürfen die kommunalen Kanalnetze der Entlastung, zum Beispiel durch Grünflächen und künstlich geschaffene Sickerbereiche wie Mulden und Sickergruben.
  • Über die Entlastung des Kanalnetzes hinaus nehmen Retentionsspeicher das Regenwasser auf und geben es zeitverzögert wieder ab: Schächte aus Beton oder Kunststoff, Teiche oder Regentonnen. Dezentral angelegte Rigolen (Pufferspeicher) nutzen die gesammelten Niederschläge zur regelmäßigen Bewässerung städtischer Grünanlagen. Dachbegrünungen halten zwischen 50 und 90 Prozent der Niederschläge auf den Dachflächen zurück.

Eine intelligente Infrastrukturplanung zielt auf die großflächige Rückhaltung und Ableitung von Regenwasser. Dazu eignen sich zusätzlich zu den genannten Beispielen auch tieferliegende Flächen wie Sportplätze, Parkplätze und Schulhöfe. Zentrale Herausforderung ist die kontrollierte Lenkung des Wassers in offene Mulden, Gräben und weitere Speicher, etwa durch die Einbeziehung von Straßen und natürlichem Gefälle.

Städte sind unser Lebensraum

Knapp 80 Prozent aller Deutschen wohnen in Städten oder Ballungsräumen. Deutschland hat 79 Großstädte, also Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Das Klimathema geht zwar alle an, betrifft aber nicht alle Städte gleichermaßen – eine küstennahe Metropole wie Hamburg setzt andere Prioritäten als Berlin oder Köln. Die Digitalisierung eröffnet auch hier neue Möglichkeiten: So soll das aktuell an der Universität Hannover entwickelte Simulationsprogramm MOSAIK-2 die Verantwortlichen darin unterstützen, auf der Basis präziser Prognosen für lokale und regionale Klimafolgen geeignete Anpassungsmaßnahmen zu planen. Klar ist: Es bedarf vielfältiger Anstrengungen, um die bedrohlichen Klimaveränderungen zu mindern und so zum Erhalt einer lebenswerten Umwelt beizutragen. Viele Akteure können dazu beitragen – Politiker, Planer, Wissenschaftler – und wir selbst.

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.), Hitze und Starkregen: Wie sich Städte anpassen können. BBSR-Hintergrundpapier, August 2020,

Informationsportal des BBSR zu Klimawandel und Raumentwicklung:
www.klimastadtraum.de

Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hg.), Wie stark trifft der Klimawandel unsere Städte? (P

Umweltbundesamt (Hg.), Umfrage: Wirkung der Deutschen Anpassungsstrategie (DAS) für die Kommunen, Januar 2019,

NABU-Bundesverband (Hg.), StadtKlimaWandel. Rezepte für mehr Lebensqualität und ein besseres Klima in der Stadt, Berlin 2010,

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Gesellschaft

DIA-Studie „50plus“: Generationen im Wechselblick

„Mit der Reife wird man immer jünger“, lässt uns Hermann Hesse in seinen Betrachtungen über das Altern und das Alter wissen. Kluge Einsichten und solide Studien zu diesem unerschöpflichen Thema gibt es viele. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) stellt dazu eine repräsentative Erhebung vor: Was denken Menschen in der zweiten Lebenshälfte tatsächlich, was treibt sie an? Wie stehen sie zu zentralen Aspekten wie Beruf und Bildung, Pflege, Einkommen und Wertewandel? Die Untersuchung „50plus: Übergänge zum Altern“ rückt die reiferen Jahrgänge in den Blick und vergleicht deren Lebensauffassung mit der von jüngeren Generationen.

Ältere stellen 60 Prozent der Wähler

Gegenwärtig sind bereits 51 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland über 50 Jahre alt. Sie stellen 56 Prozent der Wahlberechtigten und rund 60 Prozent der Wähler. „Die Altersgruppen der zweiten Lebenshälfte gewinnen an Umfang und damit auch an Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft“, heißt es in der Untersuchung des DIA, das von Unternehmen der Finanzwirtschaft getragen wird. Die Herausgeber legen Wert darauf, im Gegensatz zu herkömmlichen Altersstudien eine Generationenbefragung zu liefern, die alle Altersgruppen einschließt und damit sowohl die gegenseitige Sicht der Generationen als auch die Veränderung von Einstellungen im Lebenszyklus abbilden soll.

Die Jungen sehen zu schwarz

So zeigt die Befragung von 3030 Teilnehmern ab 18 Jahren unter anderem, dass sich die Sorgen junger Menschen vor finanziellen Einbußen, vor Langeweile und Einsamkeit im Rentenalter längst nicht so negativ einstellen, wie sie es häufig erwarten. Was die Generationen hingegen gemeinsam haben, ist die Erfahrung häufiger persönlicher Veränderungen der Arbeitswelt. Sie teilen auch die wachsende Vorfreude auf den Ruhestand – zugleich hat ein Drittel der Ruheständler über das Renteneintrittsalter hinaus gearbeitet oder hätte das gern getan, wenn die Gelegenheit vorhanden gewesen wäre.

Wo Alt und Jung auseinander liegen

Ein Viertel der befragten Ruheständler bekannte sich zu gesundheitlichen Nöten, die Erwartung aller Befragten lag bei nur 21 Prozent. Auch hinsichtlich der Finanzen wird ein Unterschied sichtbar: 22 Prozent der älteren Umfrageteilnehmer nannten Geldprobleme, von allen Befragten erwarteten das 27 Prozent für ihr Alter. Neben Gesundheit und Finanzen bewegen weitere Alltagsprobleme die Generationen: fehlende Sozialkontakte (Ruheständler: 10 %; Erwartung aller Befragten: 12 %) und Langeweile (8 %; bzw. 16 %). Immerhin freuten sich 64 Prozent aller Erwerbstätigen auf den Ruhestand.

Eltern bauen auf ihre Kinder

Für den Fall ihrer eigenen späteren Pflegebedürftigkeit rechnen viele Teilnehmer mit einer positiven Lösung. Kinderlose gehen zu 40 Prozent davon aus, Eltern setzten oft auf ihre Kinder – je mehr desto optimistischer. Bei einem Kind sind es 53 Prozent, bei zwei Kindern 55 Prozent, bei drei Kindern 60 Prozent und bei vier Kindern 64 Prozent. „Auch das Einkommen spielt bei den Annahmen zur eigenen möglichen Pflegesituation eine erhebliche Rolle. Je höher es aktuell ist, desto optimistischer sind die Befragten“, stellt die Untersuchung fest. Unter den Personen mit einem Monatseinkommen unter 1.000 Euro gehen nur 28 Prozent von einer guten Alterspflege aus. In der Einkommensklasse 4.000 Euro und mehr sind es dagegen 61 Prozent.

Mehr Respekt bitte!

„Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft dem Alter gegenüber heute mehr oder weniger Respekt entgegenbringt als Sie es früher erlebt haben?“ Diese Frage verneinten 57 Prozent der Befragten ab 50 Jahren. Knapp ein Drittel sah keine Veränderung, nur fünf Prozent nahm sogar mehr Respekt wahr. Ältere zeigten sich auch hinsichtlich weiterer sozialer Werte ernüchtert: 51 Prozent hatten das Gefühl, dass heutzutage weniger soziale Sicherheit herrsche als früher, 59 Prozent verspürten weniger Solidarität zwischen den Generationen.

Gesundheit und Finanzen größte Sorgen

Erwartungsgemäß bewerten ältere und jüngere Menschen zentrale Lebensaspekte unterschiedlich. Interessant wird die DIA-Expertise, wo sie sich auf die Befindlichkeit Älterer in der zweiten Lebenshälfte fokussiert: Gesundheit und Finanzen stellen die relativ größten Sorgen dar, Respekt, soziale Sicherheit und Solidarität sehen sie schwinden.

Die aktuelle Erhebung stammt von Juni/Juli 2020 und erscheint in vierter Folge. Die drei früheren Publikationen widmen sich den Themen „Einzigartigkeit des Alterns“ (2017), „Bewusster leben (2014) und „Vielfalt des Alterns (2011). Zusammen genommen ergeben die Beiträge ein vielfältiges Bild von Erwartungen, Realität und Lebensstil von Menschen hierzulande in der zweiten Lebenshälfte.

 

Klaus Morgenstern, Ältere erleben weniger Respekt, Hg.: Deutsches Institut für Altersvorsorge (DIA) in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut INSA Consulere, Berlin 2020

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Ein gutes Altersbild ist die beste Vorsorge

Mit dem Alter, dem eigenen und dem anderer Generationen, haben wir oft Probleme, wusste schon Kurt Tucholsky: „Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.“ Zumindest für die Generation der unter 40-Jährigen stimmt das so nicht, belegt eine Umfrage des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Die Studie lenkt den Blick auf einen bislang unerforschten Aspekt des subjektiven Alternserlebens: Was jüngere Erwachsene über alte Menschen und das eigene Älterwerden denken, beeinflusst ihre eigene Gesundheit.

Was bedeuten Altersbilder für die Gesundheit?

Können ältere Kollegen mit jüngeren mithalten, sind Ältere körperlich eingeschränkt und einsam? Oder leben sie fit, sozial eingebunden und finanziell sorglos? Das Alters- und Selbstbild jedes Einzelnen besteht aus gesellschaftlichen Stereotypen vom Altern und Altsein, aus zugeschriebenen Eigenschaften und eigenen Erfahrungen. Und das hat Folgen für Gesundheit und Langlebigkeit. Längsschnittstudien belegen, dass Menschen mit negativem Altersbild mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt bekommen, unter Depressionen leiden und sich nach einer Krankheit schlechter erholen als Menschen mit einer positiven Sicht. Letztere hingegen leben durchschnittlich siebeneinhalb Jahre länger. Nur wie genau beeinflussen Altersbilder die persönliche Gesundheit und Langlebigkeit?

Wie wirken Altersbilder auf die eigene Gesundheit?

Die eine, alles erklärende Antwort gibt es nicht. Doch drei Wirkweisen stehen laut AOK-Report im Fokus wissenschaftlicher Begründungen:

  • Spezielle physiologische Mechanismen könnten dazu führen, dass eine positive Sicht auf das eigene Älterwerden zu einem geringeren Niveau von C-reaktivem Protein beiträgt, einem Biomarker für chronische entzündliche Prozesse im Körper. Die Folge wäre eine höhere Langlebigkeit.
  • Altersbilder steuern körperliche Aktivitäten und beeinflussen somit Gesundheit und Fitness. Studien zeigen, dass Menschen mit einem negativen Bild vom Älterwerden deutlich seltener körperlich aktiv sind.
  • Schließlich spielen auch psychologische Faktoren eine Rolle. So haben Menschen mit abträglichen Altersvorstellungen eher das Gefühl, im Alltag weniger selbst beeinflussen zu können. Ihr Lebenswille ist geringer ausgeprägt, ihr Lebensstil ist weniger gesundheitsförderlich, merkt der Report an.

Was denken junge Erwachsene über alte Menschen?

Die Menschen haben bereits ab 18 Jahren klare Vorstellungen vom Alter generell, stellt die Studie fest. Fast drei Viertel (74,3 %) der befragten 18- bis 39-Jährigen betrachtet alte Menschen als gesundheitlich eher eingeschränkt. Zwei Drittel (68 %) meinen, dass sie nur über wenig Geld verfügen, mehr als die Hälfte (56,1 %) glaubt, dass alte Menschen sich eher nicht mehr auf Veränderungen einstellen können und einsam sind (54,8 %). „Insgesamt lässt sich festhalten, dass junge Menschen ein eher negatives Bild von Älteren haben“, fassen die Autor*innen zusammen. Das gelte vor allem dann, wenn sie mit dem eigenen Leben oder ihrer Gesundheit wenig zufrieden seien.

Was verbinden junge Erwachsene mit dem eigenen Älterwerden?

Auffallenderweise verbinden Menschen mit häufigem Kontakt zu Älteren das eigene Älterwerden weniger mit körperlichen Einschränkungen (61,8 %) als Menschen ohne oder mit nur seltenem Kontakt – das persönliche Erleben bewahrt also vor allgemein negativen Altersstereotypen. Wichtige Voraussetzungen für eine positive Sicht auf das eigene Älterwerden sind auch Bildung und gute Gesundheit.

Insgesamt nehmen junge Erwachsene ihr eigenes Älterwerden differenziert wahr, d. h. insgesamt weniger negativ, führt die Studie aus. Demnach verbinden nahezu alle Befragten ihr künftiges Alter mit persönlicher Weiterentwicklung, zwei Drittel aber auch mit körperlichen Einschränkungen und ein Viertel mit sozialen Verlusten.

Was tun die Jüngeren für ihr gesundes Altern?

Ein erheblicher Anteil von Menschen in der ersten Lebenshälfte sorgt fürs Alter vor, nicht nur finanziell. Familie (59,3 %) und Fitness (58 %) genießen in puncto Vorsorge einen höheren Stellenwert als Finanzen (40,5 %) und Pflegebedürftigkeit im Alter (29,5 %). Dass ein negatives Altersbild den Vorsorgegedanken prägt, ist anzunehmen, wird aber nicht erforscht.

So bleibt auch offen, inwieweit das Bewusstsein für gesundheitliche Prävention, Bildung und finanzielle Vorsorge bei der jüngeren Generation insgesamt zunimmt. „Dies wäre zu wünschen, da die Grundlagen für gesundes Älterwerden bereits früh im Lebenslauf gelegt werden – sei es durch vorsorgendes Verhalten, einen gesunden Lebensstil oder durch Pflege der Sozialkontakte“, äußern die Autor*innen. Um die Situation jüngerer Erwachsener im späteren Rentenalter positiv zu gestalten, sollten bereits heute entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Vorsorge für das eigene Alter und eine realistische, vielfältige und positive Sicht aufs Älterwerden zu unterstützen, kann hier eine wichtige Stellschraube sein, um positives Älterwerden für die heute jüngere Generation zu ermöglichen.“

 

Anne Blawert / Anna Kornadt / Helmut Schröder / Susanne Wurm / Klaus Zok, Gesund altern. Ergebnisse einer Repräsentativumfrage zu Altersbildern junger Erwachsener, WIdO-Monitor, Hg.: Wissenschaftliches Institut der AOK, 1/2020,

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Erfolgsfaktoren für altersfreundliche Corona-Projekte

Mit Verunsicherung und Kontaktbeschränkungen setzt die Corona-Pandemie nach wie vor älteren Menschen hart zu. Viele Kommunen reagierten gleich im Frühjahr mit gezielten Maßnahmen gegen soziale Vereinsamung und für Infektionsschutz. Landauf, landab sind daraus Initiativen mit Lernpotenzial entstanden. Eine gemeinsame Studie des Berlin Instituts und der Körber Stiftung gibt einen Überblick über ausgewählte altersfreundliche Projekte in den Kommunen, analysiert die Erfolgsfaktoren und diskutiert, was sich aus der Bewältigung der Krise langfristig lernen lässt.

Good Practice: Alte Menschen durch die Krise leiten

Die Forscher*innen unternahmen im Juli 2020 „eine Reise durch die altersfreundliche Republik“ und machten sich in zwölf Gemeinden und Städten ein Bild vom Umgang mit der Pandemie. Die Stationen reichen von Kropp in Schleswig-Holstein (6.612 Einwohner) über Halle an der Saale (239.257 E.) bis Ostfildern in Baden-Württemberg (39.321 E.). Die Verantwortlichen vor Ort berichteten, welche Ideen angepackt worden waren, um alten Menschen eine Teilhabe am Gemeinschaftsleben zu bewahren – hier beispielhaft einige Eindrücke.

  • Freiburg: Pflege-Tour für positiv Getestete
    Damit ambulante Pflegekräfte das Virus auf ihren Patiententouren nicht von Haus zu Haus verteilen können, entwickelte ein Freiburger Pflegedienst die Idee, eine Tour nur für Infizierte einzurichten. Einzelne Mitarbeiter sollten ausschließlich an Covid-19 erkrankte Pflegebedürftigte besuchen, um das Infektionsrisiko für andere gering zu halten. Dieser Pflegedienst, weitere Anbieter in der Region und der Seniorendienst der Stadt taten sich zusammen, um das Konzept zu realisieren. Die Kommune übernahm bürokratische Arbeiten, klärte die Abrechnung getauschter Versicherter mit den Pflegekassen und beschaffte Hygieneausstattungen.
  • Daun, Halle, Kropp:Digitalschulungen für Ältere
    Um den Senior*innen in Daun/Eifel und Umkreis an digitale Teilhabeangebote heranzuführen, richtete die Caritas bereits vor der Pandemie eine Smartphone-Sprechstunde an, bei der junge Erwachsene Bedienungsanleitungen für Hardware und Apps gaben. Dieses Vorhaben, während der Kontaktbeschränkungen auf Eis gelegt, soll nach der Pandemie wieder aufgenommen werden. In Halle/Saale etablierte der DRK-Landesverband Sachsen-Anhalt das Projekt „Digitale Generationen im Austausch“. Dabei vermitteln junge Leute im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres digitale Kompetenzen an Ältere. Angeregt von dieser Idee brachte der Bürgermeister von Kropp in Schleswig-Holstein eine Tablet-Schulung für ältere Menschen durch die örtliche VHS auf den Weg.
  • Arnsberg: Die Stadtbibliothek liest vor
    Trotz coronabedingter Schließung im Frühjahr wollte die Stadtbibliothek Arnsberg mit ihren drei Standorten weiterhin als Medien-Dienstleister fungieren. Zu diesem Zweck konnten sich Bürger*innen ein Medienpaket „to go“ schnüren lassen und zum festgelegten Termin am Eingang abholen. Wer dazu außerstande war, bekam das Paket nach Hause geliefert. Beim Vorlesetelefon wurde interessierten Nutzer*innen nach Terminvereinbarung 15 Minuten lang Geschichten, Gedichte und Märchen vorgetragen.

Erfolgsfaktor 1: Ohne Kommunikation keine Innovation

Was sorgte für rasche und erfolgreiche Implementierung dieser und weiterer Projekte, was lässt sich daraus für die Zukunft lernen? Die Forscher*innen fanden drei zentrale Erfolgsfaktoren heraus. Zum einen ist es die Aktivierung direkter Kontakte seitens der Verwaltung mit allen relevanten Akteuren, vor allem den hilfsbedürftigen Bürger*innen.

Klingt naheliegend, bedarf aber kontinuierlicher Netzwerkarbeit, was vor allem in größeren Kommunen kein Selbstläufer ist. In kleinen Gemeinden wie Tirschenreuth ist es die sog. „Gerüchteküche“, ein öffentlicher Gesprächstreff mit dem Bürgermeister, in größeren Kommunen sind es institutionalisierte Foren (Seniorenbeirat, Bürgerzentrum, Pflegestützpunkt), die in der Krise durch neue Kontaktwege pragmatisch ersetzt oder ergänzt wurden: zum Beispiel durch aufsuchende Betreuung mit sogenannten „Fenstergesprächen“, Telefonketten und durch die aktive Ansprache alleinstehender Menschen.

Erfolgsfaktor 2: Kommunen als Netzwerkstifter 

Kommunikationskanälevor Ort bespielen ist das eine, sie für gemeinsame Innovationen nutzen, das andere. Alle erfolgreichen Gemeinden sind diesen Weg gegangen: „Ihre große Leistung: die Zusammenarbeit aller dieser verschiedenen Akteurinnen und Akteure über Organisations- und Sektorengrenzen hinweg zu koordinieren. Ihr Lohn: im besten Fall stabile Strukturen für verlässliche Unterstützung der Älteren und neue Ideen für die altersfreundliche Stadt zu gewinnen“, macht der Report deutlich.

Wichtig ist, über eingefahrene Gleise des Verwaltungshandelns hinauszugehen. So sorgten kommunale Krisenstäbe dafür, dass neben herkömmlichen Trägern auch engagierte Einzelpersonen und Vereine in die Versorgung Hilfsbedürftiger einbezogen wurden. Vielerorts kam sogar kreative Aufbruchstimmung auf, wie sie von der Aufnahme Geflüchteter 2015 bekannt war. Mit schönem Nebeneffekt: „Das solidarische Verhalten in der Hochphase der Pandemie hat auch das Vertrauen der Menschen zueinander gestärkt.“

Erfolgsfaktor 3: Innovationskultur und gute Führung

„Ob Verwaltungen in der Krise innovativ handeln können, hängt auch von ihrem Selbstverständnis und dem Organisationsklima ab. Es braucht eine Offenheit für Kreativität, es braucht Risikobereitschaft – und eine wertschätzende, motivierende Führungskultur“, betont der vorliegende Report. Die Corona-Krise habe sich hier vielerorts als Treiber erwiesen. Im Zweifel machen lassen, im Erfolgsfall wertschätzen, diese Devise, sonst eher Teil der Start-up-Kultur, sei vermehrt auch in den Verwaltungen angekommen, berichten die Forscher*innen. Die aktuelle Ausnahmesituation habe eine Besinnung auf Kriterien guter Führung gebracht – klare Linie, Prioritäten und Rückendeckung.

Aufbruchssignale in eine neue Moderne 

Die Kommunen leisten einen besonderen Beitrag für das Miteinander in dieser Zeit. Sie kennen die Lebenslagen und Bedürfnisse der Bürger*innen aus nächster Nähe und sind am ehesten in der Lage, maßgeschneiderte Problemlösungen zu bieten, sind Autor*innen überzeugt. Das gelte besonders für alte und hilfsbedürftige Menschen. „Hier zeigt sich die Erkenntnis, dass dort, wo die Menschen auf Probleme stoßen, auch Ideen entstehen, wie diese zu bewältigen sind.“ Der oft beklagte Flickenteppich kleinräumiger Lösungsansätze erweise sich – im Gegenteil – als Ausdruck kommunalen und bürgerschaftlichen Potenzials. Die daraus erwachsenen Chancen könnten Aufbruchssignale in eine neue Moderne sein.